Weltfrauentag – 8. März 2019

Mehr als 10’000 Frauen darunter Geschäftsfrauen, Akademikerinnen, Journalistinnen sowie Lehrerinnen und um 740 Kinder, deren Alter zwischen 0 und 5 rangiert, werden seit dem Putschversuch am 15. Juli 2016 rechtswidrig festgehalten. Sie werden ohne jegliche Beweise beschuldigt Mitglieder einer Terrororganisation zu sein.

Am 8. März hat Stiftung Lernforum eine Veranstaltung zum Weltfrauentag organisiert, in dem die türkischen Menschenrechtsverletzungen mit einem besonderen Augenmerk auf Frauen behandelt wurden. Die eingeladenen Frauen aus der Umgebung hatten zudem die Gelegenheit, Flüchtlinge aus der Türkei kennenzulernen.

Nachstehend wurden die übersetzten Vorträge der Flüchtlinge hinzugefügt.

Übersetzungen:

Ich begrüsse Sie ganz herzlich. –  Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, am heutigen Programm teilzunehmen. Und der Stiftung Lernforum danke ich für diese tolle Gelegenheit.

Mein Name ist A.Ö., ich komme aus der Türkei. Rund 11 Jahre arbeitete ich als Rechtsanwältin und Juristin in verschiedensten Institutionen der türkischen Republik.

Wie Sie bereits wissen, fand in der Türkei am 15. Juli 2016 ein gescheiterter Putschversuch statt.

Fünf Tage später erklärte der Staat den Ausnahmezustand. Und der Putschversuch war der Beginn einer grossen Hexenjagd im ganzen Land.

Wie im UN-Menschenrechtsbericht dargelegt wird, war dies das Hauptziel des Erdogan-Regimes.

Jegliche Juristen wurden nur ein Tag nach dem Putschversuch verhaftet. Danach wurden sie von den Strafrichtern der Magistraten festgenommen.

Magistraten, die nicht eine Festnahme angekündigt haben, und sich für wie Tatsache entschieden haben, wurden anschliessend auch verhaftet. Menschen, die ihr ganzes Leben dem Gesetz und Rechten gewidmet hatten, wurden beschuldigt, Mitglieder einer terroristischen Vereinigung und Teil des Putschversuches zu sein.

Bis zum 15. Juli hatte ich ein absolut erfolgreiches Arbeitsleben. Wir lebten ein bescheidenes Leben mit meiner Familie, mit meinen beiden Töchtern und meinem Mann. Fünf Tage nach dem Putschversuch brach die Polizei in unser Haus ein. Ich hatte solche Angst, als ich die Polizisten an der Tür sah. Die Polizei sagte, dass sie mich ohne Durchsuchungsbefugnis untersuchen würden und ich eingesperrt werden würde. Ich dachte sofort an meine Kinder. – Was passiert mit den Kindern, wenn ich festgenommen werde?Die Kinder hatten ebenfalls sehr große Angst. Ich rief sofort meinen Mann an, und bat ihn von der Arbeit nach Hause zu kommen. Damit meine Kinder sich keine Sorgen machen, habe ich ihnen erzählt, dass die Polizisten nur für eine gemeinsame Arbeit da sind und ich kurz weg muss. Mein Mann kam nach Hause und anschliessend musste ich das Haus zusammen mit den Polizisten verlassen. Ich hatte keine Ahnung, was mit mir passieren wird und wann ich meine Kinder wieder sehen werde. Sie legten mir Handschellen an und ich wurde zum Polizeirevier gebracht. Da es in der Gefängniszelle keinen Platz hatte, musste ich die Nacht im Flur verbringen. Wir waren zu siebt. Eine Frau musste ihr fünf Monate altes Baby zurücklassen. Gott sei Dank durften wir unsere Milch abpumpen und sie an unsere Baby zuhause überbringen lassen. Am nächsten Tag wurden wir ins Gerichtsgebäude gebracht. Der Staatsanwalt informiert uns über die Anklage wegen Mitgliedschaft einer bewaffneten Terroristenorganisation, er konnte uns jedoch keine Beweise für die Anklage aufzeigen. Ich wurde ohne ein Gerichtsverfahren wieder freigelassen. Wegen angeblicher Mitgliedschaft einer bewaffneten Terrororganisation durfte ich meinen Beruf nicht mehr ausüben. – Doch bis zu diesem Tag gab es keine einzige strafrechtliche Ermittlung gegen mich. Am 24. April 2017 brach die Polizei erneut in unser Haus ein. Diesmal wurde mein Mann, der auch ein Rechtsanwalt war, in Gewahrsam genommen. Nach 6 Tagen wurde er ohne Grund verhaftet und blieb ungefähr 10 Monate im Gefängnis in Sincan / Ankara.  Er wurde unteranderem beschuldigt weil er,1. Mitglied eines bestimmten Vereins war2. bei der Bank Asya ein Konto hatte.3. weil er ein Anwender der Kommunikations-App „Bylock“ war

Nach dem Prozess wurde mein Mann zu 6 Jahren und 10 Monaten Haft verurteilt. – Wir hatten das Glück, dass er während der Berufungszeit bis zum definitiven Entscheid aus dem Gefängnis entlassen wurde.

Von diesem Moment an, bestand in diesem Land keine Sicherheit mehr für uns. Wir wurden täglich vom Erdogan-Regime angegriffen.Schließlich mussten wir unsere Heimat verlassen. Die einstündige Bootsfahrt trieb uns nach Griechenland.Wir waren jetzt zwar frei, aber ließen unsere Liebsten zurück. Wir hatten nicht mal die Gelegenheit uns von ihnen zu verabschieden. Während der Flucht erhielt ich die Nachricht vom Tod meines Vaters. – Dies war der schlimmste Moment meines Lebens.Weder der Tag, an dem ich in Gewahrsam genommen wurde, noch mein zehnmonatiger Gefängnisaufenthalt war so schwierig für mich.  Am liebsten wäre ich zurück in die Türkei, um meinen Vater ein letztes Mal zu sehen und an der Beerdigung teilzunehmen. – Doch das war leider nicht mehr möglich.Wenn ich an diesen Tag zurückdenke, breche ihn in Tränen aus. – Ich konnte mich nicht von ihm verabschieden… Ich hoffe so sehr, dass wir uns im Jenseits wieder vereinen werden. Später erfuhr ich, dass ich in einer öffentlichen Zeitung als Terroristin erklärt wurde. Meine Verwandten und mein soziales Umfeld haben mich völlig ausgestossen und vermieden jeglichen Kontakt mit mir. Wegen Vorsichtsmassnahmen konnten wir unser Haus nicht verkaufen. Mein Gehalt wurde konfisziert und unsere Kreditkarten wurden storniert. Es gibt circa 200‘000 Menschen die auf ähnlicher Art und Weise tyrannisiert worden sind. Ich bin nur ein Beispiel von vielen. Ich zähle mich zu den Glücklichen, da ich trotz allem zusammen mit meiner Familie bin und mich in einem demokratischen Land aufhalten darf. Ich habe ein neues Leben begonnen und freue mich trotz allen Schwierigkeiten auf dieses neue Leben.Ich versuche für meine Kinder stark zu bleiben. Das ganze fühlt sich an, wie ein Verkehrsunfall. Ich leide an materiellen wie auch an geistigen Schmerzen. Langsam fühle ich mich besser, aber ich bin immer noch verwundet. Solange die Menschen unfair behandelt werden, können sich meine Wunden auch nicht vollkommen verheilen.  Ich denke keinen Moment an eine Rache. – Ansonsten würde ich mich ja kaum von diesen Tyrannen unterscheiden. – Die Geschichte wiederholt sich. Ungesetzlichkeit, Verfolgung und Diktatur. – Doch jede Nacht hatte auch einen Tag. – Ich wünsche mir von Herzen, dass diese „Hexenjagd“ bald endet und alle daran beteiligten Personen eines Tages ans Licht kommen und rechtlich und fair verurteilt werden. Danke, dass Sie so geduldig zugehört haben.

Hallo, ich bin N. P. . Ich bin aus der Türkei geflüchet und bin seit 3 Monaten in der  Schweiz. Ich war eine Hebamme und führte meine Arbeit 18 Jahren mit Erfolg aus. Während meiner Karriere habe ich in vielen bereichen Zertifikate erhalten. Bis zum 15 Juli hatte ich ein schönes Leben gemeinsam mit meinem Mann und meinen 2 Kindern.

Wie sie sicherlich bereits wissen fand am 15 Juli ein erfolgloser Putschversuch statt. Das Volk hat diese Nachricht über die Zeitung, Online-Medien und das Fernseh erfahren. Natürlich konnte ich wie jeder andere, es nicht fassen.

Am nächsten Tag wurde ich aus meinen Ferien zurück gerufen und musste meine Arbeit wieder aufnehmen. Nach 3 Arbeitstagen an einem Freitag, standen in der regionalen Online-Zeitung meine Inizialen und ich wurde als Volks Verräter gemeinsam mit anderen Freunden von meiner Arbeit freigestellt. Ich war schokiert, denn ich habe von niemandem bis jetzt ein offizielles Dokument erhalten. Von niemandem kam eine Aussage oder Erklärung. Am Sonntag waren wir bei Bekannten zu Besuch. Auf dem Heimweg bekam mein Mann einen Anruf, ihm wurde gesagt er solle schnellst möglich zu seinem Arbeitsplatz, es sei von Zivilisten mit Waffen überfallen worden sein. Daraufhin habe ich sofort mein Mann zu seiner Arbeitstelle, gebracht. Endlich zu Hause dachte mir, doch der nächste Schock wartete auf mich. Die Haustür stand offen. Das Haus es war völlig durchwühlt. Alles war durchsucht. Alles stand Kopfüber. Ich spürte die Angst meiner Kinder die kaum ein Wort aus sich heraus bringen konnten.

Meine Nachbarin teilte mir mit, dass die Polizei eine Durchsuchung gemacht hat. Diese Durchsuchung war nicht die letzte dabei war ich mir sicher und aus Angst beschloss ich mit meinen Kindern zu meiner Mutter zu gehen. Am nächsten Tag auf der Arbeit, sprach niemand mehr mit mir. Ich versuchte herauszufinden was los war. Gegen Ende meines Dienstzeites wurde ich ins Büro vom Geschäftsführer gerufen und mir wurde mitgeteilt das ich nun fistlos gekündigt bin. Ich glaube, das war der schlimmste Tag meines Lebens. Was habe ich falsches gemacht?

Es gab keine Erklärung, ich wusste nur dass ich in der Zeitung als eineTeroristin und als eine Verräterin bezeichnet wurde. Diese sehr schwere Anschuldigung zu verkraften brauchte Zeit. Von einem Moment zum nächsten sah mich mein Umfeld als einen Feind. Das Verhalten meiner Freunde, werde ich ein Leben lang nicht vergessen. Als ich mich zum Mittagessen setzte, standen plötzlich alle auf und sagten, dass ich nie wieder mit Ihnen sprechen sollte.

Freunde die ich seit 14 Jahren kenne, vertraue, liebe und Wert schätze sprachen nicht mehr mit mir. Einige haben mich sogar gedehmütigt indem sie mich Staatsveräterin bezeichnet haben. Und sich über mich lächerlich gemacht haben. Das waren doch meine Freunde ? Was habe ich ihnen angetan dachte ich mir? Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass war erst der Anfang der mir zuvorstehenden grauenvollen Tage.

Seit dem ich meinen Mann zu seiner Arbeit gebracht habe, habe ich nichts mehr von ihm gehört. Ich konnte nicht zu seiner Arbeit gehen und nach ihn ich würde mich dadurch nur selber in Gefahr bringen. Ich konnte Ihn weder telefonisch erreichen noch habe ich von irgendwoher eine Nachricht bekommen. Ich hatte Angst um sein Leben. Angst um meinen Ehemann. Angst um den Vater meiner Kinder.

Das Ferseh, Online-Medien und die Zeitung ruften das Volk auf die Gülenisten auszulöschen. Wortwörtlich wurde daraus eine Kampagne. Eine Kampagne die Unschuldige den Tod bringen sollte. Ich musste zusehen wie meine Freunde in Gewahrsam genommen und verhaftet wurden. Ich musste mir anhören wie meine Freunde und meine Mitmenschen gefoltert wurden.

Ich wusste nicht ob es eine forensische Untersuchung über mich gab und hatte deshalb grosse Angst. Ich machte mir Sorgen um meine Kinder. Ich habe nichts gemacht was gegen das Gesetzes wäre, und deshalb entschied ich mich, mich nicht der Polizei zu stellen. Was passiert mit meinen Kindern, wenn ich verhaftet werde? Dieser Gedanke liess mich nich los und raubte mir unzählige Nächte. Wem sollte ich meine Kinder anvertrauen?

Nach diesem Putsch musste ich meine 14-jährige Tochter an fremde Hände übergeben. Diese Entscheidung habe ich nur für ihre eigene Sicherheit getroffen. Von nun an besuchte sie ein kostenloses Staatliches Internat. Als ich mit meinem 6-jährigen Sohn bei Verwandten zu wohnen begann, erfuhr ich, von einem Haftbefehl den es gegen mich gab.

Ab diesem Moment, begann das elende Verstecken. Am 6 Januar 2017 erfuhr ich das mein Name sich auf der dekreten Liste befand, dass heisst meine Berufung wurde mir entzogen. Das Leben war jetzt viel schwieriger. Ab diesem Moment an wurde ich als Feind dieses Landes angesehen vobei ich doch erst vor einigen Monaten noch eine sehr erfolgreiche Hebamme war. Von nun an wurde auch meine Sozialversicherung aufgelöst und ich konnte keine Arbeitsstelle mehr finden.

Wir sind alleine. Alle meine Freunde, Verwandten und Bekannten haben ihre Beziehung zu mir beendet. Niemand sprach mehr mit mir, selbst meine Anwesenheit bereitete ihnen Angst. Inzwischen fühle mich mehr tod als lebendig. Inzwischen lebe ich seit 2 Jahren versteckt. Meine eigene Tochter musste ich während dieser Zeit heimlich treffen.

Weil ich von meiner Berufung ausgeschlossen wurde hatte ich weder einen Job noch ein Bankkonto. Weil ich gesucht wurde konnte ich nicht eine Arbeit mit Versicherungsschutz aufnehmen. Ich musste also schwarz arbeiten. Ich habe in einem Restaurant unter falschen Personalien gearbeitet.

Jeden Tag als ich meinen Sohn zur Schule brachte, musste ich mich fürchten. Mein Sohn verstand, das nichts in Ordung ist und fragte mich ständig. Warum sind wir nicht zu Hause? Warum leben wir so? Wo ist mein Vater? Wo ist meine Schwester? Du hilfst doch Menschen? Wieso haben Sie dir deine Arbeit weggenommen wieso bist du arbeitslos? Als eine Mutter konnte ich meinem eigenem Sohn keine Antworten geben. Wie sollte ich ihm das erklären? Wie sollte ich einem Kind dieses Ungerechte das uns angetan wird erklären. Ich wusste das seine kleine Welt nicht mehr aus bunten Farben bestand. Zu Hause brachte ich mit meinem Sohn die Sätze bei, die er allenfalls bei einer Polizei Befragung aufzitieren musste. Unser Leben lag auch nun in seinen kleinen unschuldigen Händen.

Ich habe in einer Kindergrippe angefangen zu arbeiten als Gedächnistrainerin für Kinder. Inzwischen benutzte ich auch kein Handy mehr weil ich habe Angst dass Sie mich verfolgen. Ich habe an diesem Tag von einer Arbeitskolleginn das Handy ausgeliehen und meine Mutter angerufen. Ihre Nachrichten haben mich erschüttert. Das Haus meiner Eltern ist von der Polizei durchsucht worden und mein Vater wurde in gewahrsam genommen. Ich verliess sofort mein Arbeitsplatz und holte mein Sohn von der Schule ab.

Nachdem wir die Schule verlassen haben, traf die Polizei ein und wollte meinen Sohn befragen. Als die Polizei erfahren hat das ich meinen Sohn soeben abgeholt habe stürmten sie meinen neuen Arbeitsplatz und haben meinen Geschäftsführer ins Untersuchungshaft genommen.

Ich muss erwähnen das mein Anruf bei meiner Mutter nicht selbstverständlich war, während dieser schwirieger Zeit habe und wollte ich sie nicht anrufen. An diesem Tag war das eine Ausnahme, eine Ausnahme die mir und das Leben meines Sohnes gerettet hat.

Wenn die Polizei meinen Sohn in der Schule vorgefunden hätte, hätten sie, bei ihm nach Ihrer Verhörung ein psychologisches Trauma hinterlassen, das er niemals vergessen würde. Ab jetzt konnte ich meinen Sohn auch nicht mehr zur Schule bringen. Meine Tochter konnte mit dem psychischen Druck nicht mehr umgehen und erlitt einen Nervenzusammenbruch, Sie wurde mit einem Ambulans ins Krankenhaus gefahren. Selbst in diesen Momenten konnte ich nicht bei meiner Tochter sein. Ich konnte weder Ihre Hand halten noch irgendwie Sie als Mutter unterstützen und bei Ihr sein.

Die Türkei wurde für uns ein Land in dem wir nicht länger bleiben konnten meine Kinder konnten nicht mehr zu Schule und ich war im ewigen Versteck-Spiel gefangen. Ich meinen letzten 6 Monaten ging ich nur noch für den Lebensmitteleinkauf aus dem Haus. Als die Polizei erneut bei meiner Tante war und Sie das Haus wild duchsucht hatten, gab Sie aus Angst nach und teilte den Polizisten die Adresse meines Unterkunftes. Von nun an brauchte ich einen neuen Unterschlupf. Auf einmal fand ich mich auf der Strasse. Ich hatte keine Verwandten mehr zu denen ich gehen oder mich wenden konnte. Eine Frau die mit mir das selbe Schiksal teilte war meine Rettung. Ich konnte mich bei ihr zu Hause einnisten. Eine Nacht bekam mein Sohn hohen Fieber ich wusste er brauchte ein Arztbesuch aber aufgrund der Datenbearbeitung bei einer Anmeldung im Krankenhaus konnte ich ihn nicht bringen.

Ich habe noch nie eine Tat begangen die gegen das Gesetz war. Ich habe einen sauberen Leumund. Aber irgendwie habe ich mich anscheinend doch schuldig gemacht. Ich habe mich strafbar gemacht weil ich für hilfsbedürftigte Studenten Stipendien bezahlt habe. Ich habe mich strafbar gemacht weil ich meine Kinder zur einer Gülen Schule geschickt habe. Ich habe mich strafbar gemacht weil ich für Bedürftigen Menschen Nahrungsmittel gespendet habe. Die Tatsache, dass ich ein Konto bei der Bankasya hatte, reichte aus, um mich zu einen Terroristen zu erklären.

Wie jeder Gülenist veruschte ich ein vorbildliches Leben zu führen und mich aktiv für meine Mitmenschen einzusetzen.

Vor dem 15 Juli wurden wir unterstützt und geschätzt, jetzt war nichts mehr davon zu riechen. Alle empfanden Hass für uns. Wir konnten in der Türkei nicht mehr sicher leben und mussten alle unsere Geliebten hinter uns lassen. Ich wünschte ich hätte mein Land nicht verlassen müssen. Damals als es uns noch gut ging musste ich mir keine Sorgen um meine Kinder machen ich konnte ihnen sehr vieles anbieten. Es ist nicht leicht in einem fremden Land von neu Anzufangen. Sich alles neu aufzubauen braucht Zeit und Kraft. Meine Gedulg war mein begleiter durch diese schwere Zeit.

Es war Juli 2018 als wir mit einem kleinem Boot, 11 Leute darunter ein 2 Monate altes Baby 45 Minuten lang unseren Atem anhielten bis wir in Griechenland angekamen. Das Boot hatte sich mit Wasser aufgefüllt wir waren pitsch nass und verdreckt. Wir waren von nun an Frei. Sobald wir Meric überquert hatten fragte mich mein Sohn. Mami wir sind aus der Hölle. Was hat ein 7 jähriges Kind erlebt das es solche Worte in den Mund nimmt. Wie werden sich unsere Wunden heilen? Seit 2 Jahren konnten wir aus Angst nicht schlafen weil wir uns vor der Polizei fürchteten. In Griechenland als uns die Polizei mitgenommen hat empfanden wir nur Freude. Bis heute hatten wir Angst vor der Polizei und jetzt freuten wir uns die Polizei zu sehen.

Unsere Reise endete in der Schweiz. Zum ersten Mal konnte ich mit meiner Familie gemeinsam in Sicherheit schlafen.

Mein Name ist N. K. , ich bin Primarlehrerin. Gemeinsam mit meinem Mann bin ich die Schweiz geflüchtet. Wie Tausende andere wurde auch ich und mein Ehemann, nach dem 17 Juli beschuldigt, Terrorist zu sein. Ich war 3.5 Monaten mit meinem Mann verheiratet und war schwanger, als unerwartet die Polizei unsere Wohnung stürmte. Sie stöberten in unseren persönlichen Gegenständern herum. Ohne Begründung nahmen Sie meinen Mann in Gewahrsam. Am selben Tag wurde mein Bruder von der Polizei in Untersuchungshaft genommen. So begann für mich meine schwere Zeit.

Kummer und Zweifel hatten mich besiegt und ich habe mein 8 Wochen altes Baby verloren. Weil mir keine Möglichkeit geboten wurde, meinen Mann zu kontaktieren und Ihn über unseren Verlust Bescheid geben zu können, musste ich alleine trauern. Voller Trauer und einer Enttäuschung in mir konnte ich meinem Mann, 15 Tage später im Gerichtsgebäude aus Weitem mit Handzeichen, unseren Verlust mitteilen.

Später durfte ich Ihn jede 2te Woche 1-mal für 20 Minuten in einer geschlossenen Kabine sehen, getrennt durch eine Glasscheibe. Und einmal je 2 Wochen mit ihm telefonieren für 10 Minuten.

Die Tatsache, dass die Beamten im Gefängnis uns als Terroristen betrachteten, fühlte sich grauenhaft an. Meinem Mann konnte ich erst 2 Monate später an einem offenen Treffen umarmen. Dinge wie Umarmen, Küssen, Reden waren so weit weg von der Realität, dass sie nur noch in meinen Träumen existierten. Nebenbei wurden weiterhin Tausende von Menschen in Gewahrsam genommen und ins Gefängnis gesteckt. Die Hexenjagd hat somit begonnen. Ob man mit oder ohne Beweismittel festgenommen wurde, spielte keine Rolle, das eigentliche Ziel war, so viele wie möglich einzusperren und Familien auseinanderzureissen.

Nach gefühlten endlosen 15 Monaten, am 8. Oktober 2017, während meines Besuches haben Sie mich vor den Augen meines Mannes festgenommen. Wir waren ein junges verheiratetes Paar, welches auseinandergerissen wurde. Wir warfen erstarrt uns die letzten Blicke zu, ohne ein Gewissen zu haben, ob wir uns je wieder sehen werden. Das war einer meiner traumatischsten Tage, die ich je erlebt habe. Als ich festgenommen wurde, durfte ich meine Familie nicht anrufen. Dadurch entstand ein enorm grosser psychischer Druck in mir. Trotz, dass ich und mein Ehemann im gleichen Gefängnisgebäude waren, durften wir uns nicht sehen, obwohl dies unser Recht gewesen wäre.

An bestimmten Tagen hatten wir warmes Wasser für 2h zum Duschen. Duschen konnte man trotzdem nicht wirklich, denn in der Kabine war so ziemlich alles verrostet und verkalkt. Ausserdem hatten wir täglich bis zu 5h gar kein Wasser zur Verfügung. Selbst in Notfällen war es nicht leicht ein Arzt zu besuchen. Ich musste 4-mal grundlos den Trakt wechseln und überall gab es Mütter mit kleinen Kindern. Die Kinder waren zwischen 1-2 Jahre, der Boden aus Beton, keine Spielsachen, keine Geschichtsbücher und kein kinderentsprechendes Essen. Für die ganz kleinen unter uns war dieser Aufenthalt am schlimmsten. Ständig wurden Kinder tagelang krank, aber niemand brachte uns Medikamente. Nach 4 Monaten stand ich im Gerichtssaal. Das Urteil war entsetzend. Trotz keinerlei Beweise, wurde ich zu 6 Jahren und 3 Monaten Haft verurteilt. Bis das Obergericht meine Haftstrafe bestätigt, wurde ich auf Bewährung freigelassen. Bis dahin hatten sie mir schon meine 4 Monaten geraubt. Das war ein gezieltes Foltersystem. Trotz all dem musste ich auf den Beinen stehen. Denn ich wusste, dass auch dieses Leid wird sein Ende finden und ich habe mich an meinem Glauben festgehalten. Nach vielen Monaten wurde endlich mein Mann freigelassen. Für uns gab es weder Freiheit noch Gerechtigkeit. Von nun an war uns bewusst, dass wir die Türkei verlassen müssen.

Weil wir ein Ausreise-Verbot bekamen, mussten wir leider über illegale Wege das Land verlassen. Es war nicht leicht den Mariza Fluss zu überqueren, welche die Türkei und Griechenland verbindet. Bis zum Tag unserer Überquerung haben wir viele Tragödien mitbekommen. Bei denen Boote versanken und Erwachsene mit Kindern ertranken. Es war nicht leicht alles in Kauf zu nehmen und alles hinter sich zu lassen. Schliesslich hatte ich keine Garantie, dass ich es überleben werde.

Nach ca. 8 Stunden Autofahrt waren wir am Mariza Fluss angekommen. Mein Mann und mein Bruder haben das Boot hervorgenommen. Ich war im 3. Monat schwanger, als ich als erste ins Boot stieg. Während wir endlich den griechischen Boden betraten, sahen wir wie 2 Männer, die mit den Armen versuchten uns wegzuscheuchen. Sie wollten, dass wir zurück in die Türkei gehen. Währenddessen war ich nervös und hatte Angst, dass sie uns etwas antuen könnten. Sofort packte ich deshalb meine Tasche und wir machten uns auf den Weg. Wir sind 1,5 Stunden marschiert. Leider musste ich, weil ich schwanger war, immer wieder kleine Pausen einlegen. An diesem Tag war das Wetter kühl und beim ersten Dorf sind wir direkt ins Dorf Café. Wir haben den Leuten gesagt, sie sollen die Polizei rufen. Eine Weile später traf die Polizei ein und sie haben uns aufs Polizei Revier mitgenommen. Danach mussten wir 2 Tage im Gefängnis verbringen. Die Bedingungen waren sehr schlecht. Ich habe nicht mit derart schlechter Behandlung gerechnet. Morgens und abends gab es Brot dazu ein bisschen Käse. Später wurden wir in ein Flüchtlingslager gebracht. Die Bedingungen da waren ebenfalls sehr schlecht. Die Toiletten waren sehr unhygienisch und uns wurden keine Reinigungsmittel zur Verfügung gestellt. Das war der ideale Ort, um sich zu infizieren und Krankheiten zu übertragen. Wir konnten uns nicht gut genug ernähren. Mein einziger Wunsch war es, diesen Ort gesund zu verlassen.

Nach dem Leben im Flüchtlingslager haben wir uns auf den Weg nach Athen gemacht. Mit unseren eigenen Möglichkeiten konnten wir uns in einem Appartement unterbringen. Denn auch in Griechenland wurden wir vom Türkischem Geheimdienst gesucht. Länger in Athen zu bleiben war für uns nicht sicher. Deshalb mussten wir leider wieder mit illegalen Ausweisen ausreisen. Zuerst sind wir nach Rom, dann nach Milano und anschliessend nach Zürich.

Momentan wohne ich in Strengelbach. Wir sind nun Fremde in einem fremden Land mit einer uns fremden Sprache. Wir kamen uns verloren vor. Leider können wir unsere Berufe hier nicht ausüben.

Wäre meine Sicherheit nicht in Gefahr gewesen, hätte ich mein Land nie verlassen. Wer würde schon gerne seine geliebte Heimat, sein Zuhause, seine Familie und alles was man über die Jahre aufgebaut hat einfach so verlassen.

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